Flügel

Der kleine Junge mit den Flügeln

Von Jacques Taravant

Vor langer, langer Zeit als Gott gerade mit der Schöpfung fertig war, aber die Vögel, Insekten und Schmetterlinge noch keine Flügel hatten, lebte ein kleiner Junge. Seine Stupsnase war so rund wie eine Murmel, seine Wangen so zart wie Rosenblätter, sein Kraushaar so schwarz wie die Nacht und seine Augen so hell wie die Sterne.
Mit einem Korb auf dem Rücken lief er über Berge und Felder, durch Wälder und Schluchten, an Straßen und Flüssen entlang und sang dabei dieses Lied:

Flügel, Flügel, schöne Flügel
Wer will fliegen? Holt euch Flügel!
Ich hab Flügel, schöne Flügel
Wollt ihr fliegen? Hier sind Flügel!

Er war ein Junge wie alle anderen und doch nicht wie die anderen. Niemand kannte seinen Namen, niemand wußte woher er kam. War er vielleicht früh morgens einem Blütenkelch entstiegen? Oder war er um Mitternacht auf einem Mondstrahl zur Erde geglitten? Oder vielleicht bemerkte Gott, daß er vergessen hatte, Flügel zu verteilen und entsandte den kleinen Jungen, seine Schöpfung zu vollenden.
Er trug einen Korb auf dem Rücken, der niemals leer wurde, genau wie der Sack des heiligen Nikolaus. In diesem Korb waren aber keine Spielsachen, sondern er war voller Flügel jeder erdenklichen Art: spitze, scherenförmige Flügel für die Schwalben, weiße, flaumige Flügel für die Tauben, zart schimmernde Flügel für die Libellen, winzige, hauchdünne Flügel für die Mücken, hölzerne Flügel für die Windmühlen.
Der kleine Junge verteilte seine Flügel überall. Er gab sie allen, die fliegen wollten: Adlern und Kolibris, Marienkäfern und Geiern, Papageien und Spatzen.
Und während er mit seinem Korb voller Flügel immer weiter wanderte, sang er auch immer wieder sein kleines Lied:

Flügel, Flügel, schöne Flügel
Wer will fliegen? Holt euch Flügel!
Ich hab Flügel, schöne Flügel
Wollt ihr fliegen? Hier sind Flügel!

Er war ein richtiger Flügelhändler, und doch kein Händler wie die anderen. Nie verlangte er etwas für seine Flügel. Jeder bedankte sich so, wie er konnte:
Die Nachtigall erfand eine neue Melodie.
Der Spatz, der nicht singen konnte, drehte sein Köpfchen leicht zu Seite und nickte ein paarmal besonders freundlich.
Die Amsel zwitscherte ihm ein fröhliches Lied.
Der Storch nahm ihn mit auf einen abenteuerlichen Flug hoch über die Wolken hinaus bis in die Nähe der Sonne.
Der Dompfaff zwinkerte ihm zu, und die Eule rief: "Uhuu, Uhuu!"
Das Marienkäferchen brachte ihn zum Lachen, indem es mitten auf seiner runden Stupsnase landete und ihn mit seinen winzigen Füßchen kitzelte - und "bsst", schon war es wieder weg.
Der Papagei, der sprechen konnte, sagte: "Ich danke dir, sie passen!"
Die Fliege summte glücklich um ihn herum, bevor sie auf und davon flog.
Der Täuberich, der sich freute, daß er den Taubendamen imponieren konnte, plusterte stolz seine neuen Flügel und gurrte "Dankeschön".
Bald hatten alle Vögel und Insekten rund um die Erde ihre eigenen Flügel, und mit denen fliegen sie heute noch.

Eines Tages, müde vom vielen Wandern, setzte sich der kleine Flügelhändler neben eine alte, verlassene Windmühle.
Ihre Flügel waren zerbrochen und konnten sich schon lange nicht mehr im Winde drehen. Einsam und traurig stand sie auf einem kleinen Berg. Manchmal weinte sie. "Komm herein, komm in meine Tenne und ruh dich aus", rief sie dem kleinen Flügelhändler zu. "Es ist zwar staubig, aber es ist warm und wenn du bei mir bist, bin ich nicht so einsam." Der kleine Flügelhändler legte sich in der Tenne auf ein Bündel Stroh und schlief die ganze Nacht.
Am nächsten Morgen schenkte er der kleinen Windmühle zum Dank vier neue Flügel: einen blauen, einen roten, einen grünen und einen gelben Flügel.
Überglücklich begann sie nun ihr Rad zu drehen, zuerst langsam und dann schneller und schneller wie früher, vor langer, schon fast vergessener Zeit. Ein Müller auf einem Weizenfeld sah es von weitem, packte seine Garben und rannte zur Windmühle hinauf.

Und der kleine Flügelhändler wanderte weiter. Als er am Fuß des Berges ankam drehte er sich noch einmal um und rief:
Auf Wiedersehen, kleine Windmühle!
Mahle dein Korn, kleine Windmühle!
Mahle, mahle, mahl es fein!

Aber das viele Wandern machte den kleinen Flügelhändler müde und müder. Eines Abends stellte er seinen Korb unter eine große Eiche und schlief sofort ein.
Während der Nacht kam ein mächtiger Sturm. Es war ein gehässiger Wind, der die Lüfte allein beherrschen wollte, er war schon lange eifersüchtig auf die vielen Flügel, die der kleine Junge verteilte.
Als er den Korb sah, wirbelte er ihn in die Luft, bis er mit allen Flügeln im Meer versank. Seit diesem Tag haben die Wellen bei hohem Seegang weiße Kronen. Das sind die Flügel, die sich aus dem Wasser befreien und wegfliegen möchten.

Als der kleine Flügelhändler am nächsten Morgen aufwachte, suchte er verzweifelt nach seinem Korb!
Bitterlich weinend wanderte er ziellos umher und dachte an all die Vögel und Insekten, denen er nie mehr würde Flügel schenken können.
Ganz erschöpft setzte er sich letztendlich mitten in ein Feld voller Mohnblumen. Eine kleine schwarze Raupe sah ihn dort und war so bewegt von seinem Kummer, daß sie ihn zu trösten versuchte: "Sei nicht traurig, denk nicht an die Flügel, die du verloren hast. Denk an all die Flügel, die du verschenkt hast! Denk an all die Vögel und Insekten, die dank dir jetzt fliegen können! Bitte mir zuliebe, weine nicht mehr! Schau mich an, schau wie häßlich ich bin, und ich weine trotzdem nicht!"
"Wie freundlich du bist, kleine Raupe", antwortete der Flügelhändler, "Dir zuliebe will ich nicht mehr weinen. Oh, wenn ich doch bloß ein Paar Flügel noch für dich hätte! Die schönsten Flügel würde ich dir schenken - Flügel, so schön wie eine blühende Blume."
Da flüsterte die Mohnblume, die mitgehört hatte: "Pflück mich, kleiner Junge. Nimm meine Blütenblätter, sie werden perfekte Flügel für deine Raupe sein!" Der kleine Flügelhändler strahlte und nahm sorgfältig zwei Blütenblätter von der Mohnblume. Er legte sie auf den Rücken der schwarzen Raupe und schon flatterte sie dankend vor ihm und flog dann weiter von Blume zu Blume.
So wurde die kleine häßliche Raupe zum ersten Schmetterling - zauberhaft schön, wie eine blühende Blume! Noch am selben Abend legte sich der müde kleine Flügelhändler neben einen Bach und fiel sofort in einen tiefen Schlaf.
Er schlief und schlief. Tausende von Vögeln, Libellen und Schmetterlingen setzten sich zu ihm und warteten bis er aufwachen würde. Die Nachtigall sang ihre schönste Melodie, die Amsel zwitscherte fröhliche Lieder, der Papagei redete auf ihn ein, das kleine Marienkäferchen kitzelte seine Stupsnase, die Eule rief: "Uhuu, Uhuu!" Doch was immer sie auch taten, der kleine Flügelhändler schlief weiter.
Auf einmal fand eine neugierige Elster in seiner Hosentasche zwei kleine, weiße Flügel, die er dort aufbewahrt und vergessen hatte und die vom gehässigen Wind nicht gefunden und weggetragen wurden. Jetzt waren es die Vögel, die dem schlafenden Jungen Flügel auf den Rücken legten.
Da rührte er sich. Mit einem leichten Flügelschlag schwang er sich, von seinen Freunden, den Vögeln, begleitet, in die Lüfte und stieg gegen den Himmel empor.
Als der Herrgott hoch oben durch eine sonnenbeschienene Wolke den kleinen Flügelhändler auf sich zufliegen sah, entschied er sich, auch noch Engel zu erschaffen.

 
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